Die Frage nach dem Weltbeginn

Die Frage nach dem Weltbeginn

"Ein Teil des Avestas"

Das Gesetz spricht vom Hinausziehen (Diskursionen) des Feindes in die Welt. Es wird gesagt, dass Ahriman, der Machtberaubte, und alle Dews mit ihm den Menschen sahen und vor seiner Reinheit zu Boden stürzten. Eine Zeitdauer von drei Jahrtausenden musste Ahriman angekettet liegen. Und als er so gebunden lag, sprach jeder der Dews zu ihm: „Auf, und komm mit mir! Ich will diesen Ormuzd und die Amschaspands in dieser Welt bestürmen, ich will sie zusammentreiben.“

Der Arge zählte seine Dews zweimal und war sehr unzufrieden, denn die Furcht vor dem reinen Menschen hielt den Darvand Ahriman zurück.

Am Ende der dreitausend Jahre kam der Darvand Dje zu ihm und sprach: „O Ahriman, mache dich auf mit mir! Ich will hinaus in die Welt, Ormuzd und die Amschaspands bekämpfen und sie ängstigen.“ Wiederum zählte der Übeltäter zweimal seine Dews, aber mit Verdruss. Ahriman wollte sich gern von seinem Kummer über den Anblick des reinen Menschen befreien.

Der Darvand Dje sagte: „Auf, und mit mir zum Krieg! Welche Plagen will ich über die reinen Menschen und arbeitenden Rinder ausgießen! Wenn ich meinen Willen an ihnen vollbracht habe, dann sollen sie, so wahr ich bin, fortan nicht mehr leben.

Zerstören will ich ihr Licht, ihr Wasser durchdringen, die Bäume durchdringen, das Ormuzdfeuer durchdringen, alle Geschöpfe Ormuzds durchdringen.“ Der nichts als Böses tut, übersah nochmals seine Heere, und siehe, wie außer sich vor Freude verließ ihn der Kleinmut, der ihn bis jetzt gefangen gehalten hatte und er küsste Djes Haupt. Dje ist der Urheber der Unreinheit, der Schöpfer der monatlichen Regel der Frauen. Ahriman sprach zu Dje: „Was du nur wünschen kannst, nimm von mir.“ „Mit Menschengestalt wollte ich bekleidet sein“, war Djes Bitte, „gib sie mir.“ Ahriman formte den schönen Leib eines fünfzehnjährigen Jünglings und zeigte ihn Dje. Dieser Dje, unsauber in Gedanken, nahm ihn und ging mit ihm davon.

Danach stellte sich Ahriman in Begleitung aller Dews vor das Licht. Er sah den Himmel und die nur nach Zerrüttung sinnenden Dews dachten nach, wie sie ihn stürzen könnten. Ahriman allein drang in den Himmel. In Schlangengestalt sprang er vom Himmel auf Erden.

Am Tage Ormuzd des Monats Farvardin lief er von Süden aus heran. Er sah den Himmel, aber Schauder und Schrecken durchfuhren ihn, wie das Schaf unter dem Wolf. Er zog in Wassergegenden (Wolken), sah unter sich die Erde und drang durch die gemachte Öffnung in der Mitte der Erde, durchfuhr darauf die Bäume, den Stier, Kaiomorts (1) und das Feuer. In Fliegengestalt durchstreifte er  alles Geschaffene. Gegen Süden, zu Mittag, verheerte er die Erde ganz und gar.

Alles überzog Schwärze, wie Nacht. Danach schickte er die fressenden Kharfesters auf die Erde, die Gift haben, wie Schlangen, Skorpione, Kröten usw. Alles verbrannte bis zur Wurzel. Nichts konnte den Kharfesters widerstehen. Glutheißes Wasser regnet auf die Bäume und verdörrt sie augenblicklich. Die grausam plagenden Verin und Boschasp (zwei Dews) mussten auf den Stier und Kaiomorts fahren, um sie an der Brust zu quälen. Vor dem Erscheinen des Stiers schuf Ormuzd Binak, das Wasser der Gesundheit.

Wer daraus an der Quelle trank, konnte seine ganze Heilkraft fühlen. Der, dessen ganzer Wille Böses ist, schlug durch sein Gift den Stier, so dass er krank danieder sank und seufzend starb. Im Sterben sprach er noch: „Siehe! Was geschehen muss für die Tiere, die noch werden sollen. Mein Wille ist, sie vor dem Bösen zu schützen.“ Ehe Kaiomorts erschaffen wurde, schuf Ormuzd das Wasser Chei und brachte es zu ihm. Mit welcher Weite (des Ruhmes) spricht das Gesetz von diesem Cheiwasser, das Ormuzd für den Menschen schuf! Chei soll dem Körper Kaiomorts Lichtglanz und Jugend gegeben haben.

Kaiomorts sah die Welt in Finsternis, wie in dunkler Nacht und wie die Erde durch Kharfesters verbrannt kaum noch bestand. Am Himmel zogen Sonne und Mond in ihren Bahnen. Die Dews von Mazendran sollen gegen die Fixsterne gekämpft haben. Ahriman hatte noch außer dem, was er gegen Kaiomorts Boshaftes im Sinn trug, einen Plan, der beinhaltete die Zerstörung der ganzen Welt.

Astuiad musste mit tausend Dews, Kunstmeistern des Todes, Kaiomorts besiegen. Aber seine Zeit war noch nicht gekommen, daher vermochten sie seinem Körper nicht zu schaden, wie es heißt: „Zur Zeit der Ankunft (2) Ahriman Peetiare in der Welt erhielt Kaiomorts das Leben und wurde auf dreißig Jahre König.“ Seit der Ankunft Peetiares lebte er dreißig Jahre. Kaiomorts sprach zu ihm:

„Du bist wie ein Feind gekommen, aber alle Menschen meines Samens werden tun, was rein ist, verdienstvolle Werke (und dich zu Boden stürzen).“

Danach drang Ahriman ins Feuer und ließ schwarzen Rauch daraus aufsteigen. Geschützt durch ein Heer der Dews mischte er sich in die Planeten, maß sich gegen den Himmel der Sterne, drang durch Fixsterne und alles, was geschaffen war. Und plötzlich hoben sich Rauchwolken aus allen Feuern aller Orte empor. Neunzig Tage und neunzig Nächte hindurch standen die Izeds des Himmels im Kampf mit Ahriman und allen Dews in der Welt. Sie stürzten ihn entkräftet in den Abgrund (Duzakh). Der Himmel half den Izeds, dass Ahriman sich nicht mehr an sie wagen durfte. Aus der Mitte des Abgrunds stieg Ahriman die Erde herauf, durchbrach sie, zeigte sich darauf und durchreiste sie. Alles in der Welt kehrte er um. Dieser Feind des Guten mischte sich in alles, zeigte sich in allem, suchte Böses zu schaffen droben und drunten.

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1- Das Modjmel el Tavarikh behandelt Kaiomorts im Kapitel 8 in vier Abschnitten. „Die Perser“, sagt Mobed Schapur im ersten Abschnitt, „nennen den ersten Menschen, der auf Befehl des höchsten Gottes auf Erden sichtbar wurde, Guel Schah (das heißt Erdenkönig), weil sich sein Gebiet nicht über die Erde hinaus erstreckt.“ Er hatte einen Sohn und eine Tochter, Meschia und Meschianeh, wovon in (oder nach) 50 Jahren achtzehn Kinder geboren wurden. Nach ihrem Tode war die Erde 94 Jahre ohne König, bis zur Regierung Hoschinghs, das heißt Hoschingh Peschdads. Und von Kaiomorts bis zu Hoschingh verflossen 294 Jahre und sieben Monate.

Der zweite Abschnitt ist umständlicher. „Hamzah von Ispahan“, sagt der Verfasser des Modjmel, „berichtet in einem Buch über Zarathustras Avesta, dass der höchste Gott das ganze Lebensalter der Welt auf 12.000 Jahre gesetzt habe. In den ersten drei Jahrtausenden blieb die Welt ihrem oberen Teil nach rein vom Bösen. Als Gott Wesen in den unteren Teil schickte, das heißt, als er besondere Wesen schuf, hielt sie sich auch drei ganze Jahrtausende unbefleckt. Dann kam Ahriman und mit ihm Plagen und Übel und Krieg. Im siebten Jahrtausend mischte sich Böses unter das Gute. Die ersten der lebenden Geschöpfe, die auf Erden erschienen, waren Mensch und Stier, die nicht durch geschlechtliche Verbindung entstanden. Der Mensch nannte sich Kaiomorts und der Stier Abudad.

Der Mensch Kaiomorts besaß Leben und Sprache und der Stier-Mensch war tot (zum Sterben gemacht) und ohne Sprache. Und in ihm fingen die Zeugungen an. Nach dreißig Jahren starb er. Einige Tropfen seines Samens fielen auf die Erde und blieben vierzig Jahre in ihr aufbewahrt. Aus diesem Samen wuchsen zwei reivasähnliche Pflanzen auf, die nach einem gewissen Zeitablauf zu Menschen gleicher Gestalt und gleichen Wuchses wurden, zu Meschia und Meschianeh. Diese beiden begatteten sich danach, und nach 50 Jahren bekamen sie Kinder. Und von der Geburt des ersten bis zu Hoschingh vergingen 90 Jahre und 6 Monate.“

In dieser Erzählung wird der Stier-Mensch genannt, welches zu einer Stelle im Izeschne (Ha 24) in Beziehung zu stehen scheint, die man auch so übersetzen kann: „Ich bringe dir Izeschne, heilige und reine Seele des Menschen-Stiers. Ich bringe dir Izeschne, heiliger und reiner Feruer des Menschen Kaiomorts.“ Der Schluss im Modjmel unterscheidet sich vom Text des Bun-Dehesch nur in zwei Punkten: 1. dass der Mensch und der Stier zugleich auf Erden sichtbar wurden und der Mensch Erster genannt wird, und dass sich 2. aus Kaiomorts Samen zwei Pflanzen zu zwei nachfolgende Menschen entwickelten. Man könnte indessen sagen, dass Hamzah nur im Allgemeinen von diesen beiden Wesen spricht, ohne eben bemerken zu wollen, ob jedes separat geschaffen oder eins vom anderen gezeugt geworden ist. Vielleicht sind auch diese beiden Pflanzen nur Zweige eines Reivas (ein Baum).

Im dritten Abschnitt berichtet Hamzah aus einem Buch in fremder Sprache, dass Mensch und Stier anfangs auf einer Anhöhe vom höchsten Gott geschaffen wurden und dort 3.000 Jahre ohne Übel blieben. Dieser Zeitraum umfasst die drei ersten Himmelszeichen. Nach 3.000 Jahren lebten sie auf Erden ohne Mühen und Sorgen und Streit. Diese Zeit entspricht den drei folgenden Himmelszeichen, Krebs, Löwe, Jungfrau (Ähre). Dann kam aber im siebten Jahrtausend (unter der Regierung der Waage) das Übel. Der Mensch nannte sich Kaiomorts. Dreißig Jahre hindurch bebaute er das Feld, zog Gewächse und Kräuter auf, und als das Jahrtausend des Krebses kam, war Jupiter im Krebs, die Sonne im Lamm, der Mond im Stier, Saturn in der Waage, Mars im Steinbock, Merkur und Venus in den Fischen. Damals vollendeten die Sterne ihren Lauf im Anfang des Monats Farvardin. Das ist No-ruz (Fest des ersten Tages im Jahr). Und durch eine Veränderung des Himmels wurde der Tag von der Nacht geschieden, so wird der Anfang des Menschen beschrieben.

Im vierten Abschnitt erscheinen Mensch und Stier gleich zum Urbeginn der Wesen, zu Anfang der 12.000 Jahre. Aus der hier angegebenen Himmelslage zu Beginn des vierten Jahrtausends der Welt lässt sich vielleicht etwas zur Chronologie der persischen Geschichte festsetzen. Im vierten Abschnitt werden verschiedene Meinungen anderer bezüglich Kaiomorts angeführt. Für einige ist er mit Seth identisch, für wieder andere ist er der vierte Sohn Noahs. Nach der Geschichte Djerir el Tabari haben zwischen Idris (Henoch) und Noah innerhalb 1.700 Jahren Könige regiert, wovon der erste Kaiomorts geheißen hat und 700 Jahre herrschte.

Wer dieser Kaiomorts auch gewesen sein mag, so gibt es bei den Persern keinen Zweifel, sagt der Verfasser des Modjmel: 1. dass in der Geschichte wirklich einmal jemand unter diesem Namen gelebt, 2. dass er dreißig Jahre regiert habe, und 3. dass er der Stammvater von Königen gewesen ist.

 

2- Oder: „Zur Zeit der Ankunft Ahriman Peetiares lebte Kaiomorts bereits. Er war schon dreißig Jahre König. Nach der Ankunft Peetiare lebte er dreißig Jahre.“ Die Art der Geburt Kaiomorts, wie sie weiter unten berichtet wird, bestätigt den gegebenen Sinn. Was nach den Schriften der Perser sicher zu sein scheint, ist, dass Kaiomorts seit dem Tode des Stiers dreißig Jahre gelebt habe. „Als Ahriman Peetiare in die Welt hinaustrat“, heißt es gleich im Anfang des Sabber Bun-Dehesch, „starb der Stier zur selben Stunde und Kaiomorts lebte noch dreißig Jahre.“ „Der verwünschte arge Bösewicht mordete den Stier dreißig Jahre vor Kaiomorts“, sagt der Verfasser des Gedichts Minokhered.

 

Ulrich Hannemann (Hrsg.), Das Zend-Avesta

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